Ganz großes Theater auf kleiner Bühne im Kulturkabinett
Dieses Theaterstück muss man gesehen haben, das Kulturkabinett hat mit seinem Amateurtheater gestern in einer sensationellen Premiere „Die Nashörner von Eugene Ionesco“ mit höchster Professionalität vorgestellt. Der Inhalt des 1959 als eines der ersten - für die 60iger in ganz Europa typischen “absurden“ Dramen - ist schnell erzählt. In einer Stadt entdecken die Bürger plötzlich ein wildgewordenes Nashorn, das eine Katze tottrampelt. Ionesco macht mit seiner Allegorie die Katastrophe des dritten Reiches, des Nationalsozialismus, und anderer diktatorischer Regierungsformen dramatisch greifbar. Alle Einwohner der Stadt verwandeln sich in einem Massenwahn wie durch eine ansteckende Krankheit, einer nach dem andern, in Nashörner. In der deutschen Übersetzung trifft der Titel Nashörner schon vom Klang her die Nähe zu den Nazis, im französischen heißt der Text allerdings: Rhinoceros.
Der Inszenierung gelingt der Spagat zwischen sarkastisch absurden, durchaus auch komischen Elementen und zutiefst tragischem Geschehen. Geschickt werden die Protagonisten fast alle „absurd“ überzeichnet zu klischeehaften Typen, die aber so die verschiedenen Bürger eines Staates repräsentieren. Sie agieren bereits in der Phase ihrer noch individuellen Verschiedenheit bereits im Chor schreiend: Da ein Nashorn. Wenig später mutieren sie nach und nach selbst zu Nashörnern, verführt durch schrille Flüsterstimmen mit unkenntlichem Text, unheimlich in den Kopf gehämmert, werden ihnen diese Stimmen zum „Gesang“, den sie verstehen wollen. Das Tierische, ihre durch stampfende rhythmische laute Anwesenheit beginnt die Menschen zu faszinieren. Die Nashörner werden ihnen Symbol der Macht,der Natürlichkeit, der Überlegenheit.
Die einzig „reale“ Figur ist Behringer - hier von Tim Krafl – grandios mit überzeugendem Realismus präsentiert. Er ist der liebenswürdige Antiheld, derjenige dem eigentlich nichts recht zu gelingen scheint, der rührend und bewundernd an einem Freund hängt, der ihn im Grunde missachtet und kritisiert, um sein eigenes Unterlegenheitsgefühl zu verbergen.
Behringer aber, von Anfang an Außenseiter, ist es, der mit seinen schlichten Worten Ionescos Philosophie der Humanität formuliert und versucht, mit Mut gegen eine Gesellschaft zu halten, in der keinerlei Moral gilt als die der Macht des Stärkeren. Er ist einzige, der den Massen widersteht, der einzige, der versucht, den Freund zu retten, vergeblich hofft, mit der Liebe, das Böse zu besiegen.
Seine Verzweiflung am Ende vermittelt Krafl so dramatisch, dass man es als Zuschauer emotional kaum erträgt. Er allein, der einzige Mensch, der übrigbleibt, umringt von Nashörnern, die ihn vernichten werden. Klug verzichtet die Regie darauf, dieses Ende darzustellen. Behringer bleibt „standhaft“, steht wie eine Christus Figur aufrecht, bereit sich zu opfern für den Gedanken der Menschlichkeit mit dem Rücken zu den Tätern, verzweifelt im Ausdruck, Hingabe und Opfer. Es wird dunkel der Vorhang fällt. Im Publikum ein stiller Augenblick in erschüttertem Schweigen und dann der wohlverdiente rauschende Beifall für die beiden Regisseurinnen, die Schauspieler, das ganz Bühnenensemble und natürlich für den Hauptdarsteller, den Antihelden!!
Großartig auch die raffinierte und doch zurückhaltende Kostümierung der Nashörner. Es gab Aufführungen, die die Nashörner nur akustisch zeigten. Hier findet sich ein gelungener Kompromiss. Die musikalische Begleitung ist genial konzipiert auf Rhythmen und Tonfolgen reduziert. Die Figuren sind in grau militärisch wirkendem engen Anzügen, mit militärischen Schulterblättern und Manschetten, die mit spitzen Stahldolchen bestückt sind, die gleich Messern herausragen, und vor dem Gesicht einen grauer Gitter-Schutzhelm, so dass man hindurchsehen kann und die bösen hasserfüllten Blicke zu spüren meint.
Weitere Aufführungen
Fr. 08.05. Sa.09.05. S0. 10.05. Sa. 16.05. So.17.05.
Werktag 20 Uhr Sonntag 17 Uhr
15 € regulär, 12 € ermäßigt
Telefon: 0711-563034





