Dienstag, 4. Juli 2017

Bad Cannstatts Geschichte IV

Die Geschichte der Cannstatter Gassen 

Cannstatts Geschichte von Eberhard Köngeter

Das Leben in Bad Cannstatt im 14.Jahrhundert

Die Bauersleute versorgten sich überwiegend selbst, um die weitere Versorgung kümmerten sich Metzger und Bäcker (frühere und heutige Bäckergasse). Die Fleischbank der Metzger soll sich in den Erdgeschoß-Lauben des Rathauses befunden haben, das sich bis 1491 an der Stelle des heutigen Hauses Marktstraße 33 befand.Wagner, Sattler und Schmiede sorgten sich um die Gerätschaften der Bauern und um die Wägen der durch-ziehenden Fuhr- und Kaufleute (frühere und heutige Schmiedgasse). Küfer oder Kübler fertigten Fässer, Bottiche, Eimer und hölzernes Gerät für die Wengerter und die Bauern (frühere und heutige Küblergasse).

Für das Jahr 1350 wird eine Mühle bestätigt, die durch die beim Rathaus austretende Sulzquelle unter-schlächtig angetrieben wurde.

1377 wird erstmals ein "Sulzbader" erwähnt, diese "Ärzte der Kleinen Leute" dürften aber schon viel früher hier tätig gewesen sein.

Für Speis und Trank, für das sicherlich bescheidene gesellige Leben und die Unterbringung der reisenden Händler, Handwerker und Kaufleute waren die überwiegend in der Marktstraße ansässigen örtlichen Gastwirte zuständig. Spätestens seit dem Mittelalter mußte im Gastgewerbe zwischen Schild- und Gassenwirtschaften unterschieden werden, wobei Gassenwirtschaften niemand beherbergen und auch keine Speisen anbieten durften.

Dagegen beinhaltete die Konzession für eine Schildwirtschaft das Recht und auch die Pflicht, Gäste zu beherbergen und sie mit Speis und Trank zu bewirten. Eine für Schildwirtschaften gültige Wirtsordnung aus dem Jahr 1579 besagte, "wenn fremde Gäste kommen, soll der Wirt sie freundlich empfangen, auch vor allem, wer sie seien, sich erkundigen. Bei Mahlzeiten sollten sie nach Rang und Stand sitzen, damit nicht reich und arm, Edel- und Bauersmann untereinandergesetzt und der arme Mann an Zehrung nicht so hoch beschwert werde".

Nach der Ummauerung der Stadt und der Einführung einer Magistratsverfassung dürften sich weitere Gassennamen herausgebildet haben, die auf eine handwerkliche Spezialisierung innerhalb der jungen bäuerlich geprägten Stadt hinwiesen. Diese Handwerker arbeiteten in ihren Gassen sowohl für die Cannstatter und die Durchreisenden als auch für die Weiler und Dörfer der näheren Umgebung:

- In der Tuchmachergasse die dort ansässigen Weber,

- in der Spreuergasse lebten die Bauersleute (Ackerbürger), hielten Vieh und lagerten in ihren Scheunen Korn, Stroh und Spreu

- in der Zieglergasse die Ziegelmacher und die Maurer

- in der Felgergasse die Wengerter ("Felgen" bedeutete das Umackern eines Wengerts)

- in der Badergasse sorgten sich die Bader als Betreiber einer Badestube und als Heilkundige

um die Gesundheit der Bewohner,

- auf dem Seilerwasen außerhalb der engen Stadt drillten die Seiler auf langen Bahnen ihre Seile.

- Der Name Mühlgrün weist auf eine im Vergleich zur Rathaus-Mühle leistungsfähigere Mühle am Neckar hin.

Doch der Schein der beschriebenen Handwerkeridylle muß relativiert werden: Während der Regierungszeit Graf Ulrichs III. (1325 -1344) war das Land und somit auch Cannstatt durch eine fast zwei Jahrzehnte andauernde Folge von Mißernten wirtschaftlich geschwächt. Nur die im Vergleich zur Regierungszeit seines Vaters Graf Eberhard I. relativ friedfertige Politik Ulrichs und das enge Protektions-verhältnis zum Kaiser haben größere Nöte verhindert.



Der Autor Eberhard Köngeter erhielt 2010 die Ehrenmünze der Stadt für sein großes Engagement
Eberhard Köngeter 2010

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