Dienstag, 12. September 2017

Pfarrerin Lenore Volz

Lenore Volz wird Namensgeberin für eine der neuen Straßen im Neckarpark

Die Wiege für die Frau im Talar stand in Bad Cannstatt. Und so wird Frau Pfarrerin Lenore Volz wohl demnächst Namensgeberin für eine der neuen Straßen im Neckarpark. Als Vorreiterin für die Gleichberechtigung der Frau im kirchlichen Dienst hat sie entscheidend dazu beigetragen, dass die Synode der evangelischen Kirche Württembergs1968 die Ordination und Gleichstellung der Theologinnen beschloss.

Lenore Volz stammt aus einer christlich-sozial engagierten Familie und wurde am 16. März 1913 in Waiblingen geboren. Nach dem Abitur am Stuttgarter Königin-Katharina-Stift begann sie 1932 ihr Theologiestudium in Tübingen, obwohl es zu der Zeit keinerlei Perspektiven für Theologinnen gab.
Ihre Eltern unterstützten sie vorbehaltlos auf ihrem Weg, wobei ihre Mutter, deren Vorfahren auf Johannes Brenz zurückgehen, sich selbst besonders stark für die Frauen-, Familien- und Sozialarbeit einsetzte und die erste Mütterschule in Esslingen gründete.


1940 begann Lenore Volz als Pfarrgehilfin in Bad Cannstatt in einem völlig ungesicherten Dienstverhältnis und mit nur eingeschränkten Aufgaben im Rahmen der Seelsorge und der Kinder- und Jugendarbeit. Kriegsbedingt durfte sie ab 1942 auch predigen, aber Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Abendmahlsfeiern waren weiterhin den männlichen Kollegen vorbehalten. Da viele Pfarrer eingezogen worden waren, übernahm „Fräulein“ Volz unzählige Gottesdienste und half in vielen Gemeinden aus. Mit dem Fahrrad und zu Fuß pendelte sie zwischen der Stadtkirche, wo täglich Kriegsgebetsstunden zu halten waren, der Gemeinde Steinhaldenfeld, der Andreägemeinde, der Wichernkirche bis nach Mühlhausen und Luginsland. Bei einer kurzfristigen Vertretung in Schmiden blieb dem Kantor und damit der ganzen Kirchengemeinde beim Singen die Luft weg, als eine junge Frau im schwarzen Konfirmationskleid die steile Treppe zur Kanzel erklomm. Sie machte ihre Sache gut, wie der Kirchenpfleger hernach zugeben musste: „S’isch reacht gwäe“. Nach diesem Erlebnis erstand sie von einer Pfarrerswitwe den Talar deren Mannes, ließ ihn umschneidern, und konnte mit viel Geschick sowohl den Dekan als auch den Prälaten davon überzeugen, als Frau den Talar tragen zu dürfen.

Zu ihrer Enttäuschung beschnitt die Theologinnenordnung von 1948 die Entfaltungsmöglichkeiten der Frauen im kirchlichen Dienst wieder, das Predigtamt blieb in den Händen der Männer, die Frauen waren ohne eigene Verantwortung und fühlten sich in ihrer Arbeitskraft ausgenutzt. Sie durften keine eigene Gemeinde leiten, sondern eine Theologin betreute als Pfarrvikarin in untergeordneter Funktion mehrere Gemeinden.

Lenore Volz entschloss sich zu einem zusätzlichen tiefenpsychologischen Studium und brachte sich zunehmend auch in die kirchenpolitische Tätigkeit ein. Meist saß sie als einzige Frau in männerdominierten Gremien der Kirche und erkannte dabei, dass eine fundierte biblisch-theologische Arbeit unabdingbar sei, um eine Gleichbehandlung der Frau zu erreichen. Ihre Einsegnung als Pfarrvikarin in der Cannstatter Stadtkirche im Februar 1950 spricht für die Vorbehalte Bände. Es war ihr nicht erlaubt, ihre Einführungspredigt im „Hauptgottesdienst“ zu halten. Obwohl in den Kindergottesdienst um 8h morgens „abgeschoben“ war die Stadtkirche allerdings aufgrund ihrer Beliebtheit mit Kindern und Eltern voll besetzt.

In den 50er Jahren tauchte sie immer tiefer in die kirchenpolitische Grundlagenarbeit ein und ihr Vortrag im Jahr 1961 mit dem Titel „Ist die Theologinnen-Ordnung von 1948 revisionsbedürftig?“ enthielt die richtungsweisenden Thesen.

Nachdem sie 1965 als Vertrauensvikarin zur Vorsitzenden des Theologinnenkonvents gewählt worden war, brachte sie mit zwei Mitstreiterinnen und drei Kollegen 1967 eine Studie über das geistliche Amt der Frau heraus: „Frauen auf der Kanzel. ?“ mit einem Vorwort von Richard von Weizäcker . Auf Basis ihrer exegetischen Arbeit lautete ihr Tenor, dass die Gleichstellung von Mann und Frau in der Kirche Schöpferwille sei. Mit dieser Botschaft reiste sie 1967 und 1968 unermüdlich durch Württemberg und hielt Vorträge vor Multiplikatoren. Mit Erfolg. Am 15.November 1968 wurde das Theologinnengesetz mit der Gleichstellung der Frauen verabschiedet. Die Pfarrvikarinnen erhielten die Amtsbezeichnung Pfarrerin und endlich Raum für ihre Arbeit und eigene Entfaltung. 1970 wurde mit Heide Kast die erste Gemeindepfarrerin Württembergs in der Ludwigsburger Auferstehungskirche in Anwesenheit von Frau Volz eingeführt. Sie selbst übernahm 1970 die Krankenhauspfarrstelle in Cannstatt und arbeitete in diesem Amt wiederum reformerisch erfolgreich bis zu ihrem Ruhestand 1978. „Talar nicht vorgesehen“ lautet ihre Autobiographie, die sie 1994 veröffentlichte. Hochbetagt starb sie am 26. September 2009 und fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Uffkirchhof.

Autorin: Helga Müller

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